Gibt es in Deutschland wirklich einen Fachkräftemangel? Gilt das flächendeckend und in allen Branchen? Und wie verändert sich die Situation aufgrund von Corona? Diesen Fragen geht unsere Analyse nach.

Was steht hinter dem Fachkräftemangel

Von einem Arbeitskräftemangel wird gesprochen, wenn die Zahl der offenen Stellen die Zahl der Arbeitslosen übersteigt. In 2009 kamen auf 100 Stellen noch 1.083 Arbeitslose. Danach sinkt das Verhältnis bis 2019 stetig bis 2019 mit 235 Arbeitslose auf 100 offene Stellen. Im Jahresdurchschnitt 2020 (Novemberanalyse) waren es 378.717 offene Stellen auf 1.195.365 Arbeitslose. Das entspricht einem Verhältnis von 316 Arbeitslosen auf 100 offen Stellen.

Der Anstieg der Arbeitslosigkeit ist hauptsächlich auf die Corona-Krise im März 2020 zurückzuführen. Die Unsicherheit der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen führt zu weniger gemeldeten Stellen bei einem gleichzeitigen, deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Nach Einschätzung der Agentur für Arbeit hat sich der Arbeitsmarkt im November 2020 wieder stabilisiert.1  Seit 2009 zeigt sich eine stetige Abnahme der Anzahl der offenen Stellen im Verhältnis zu den verfügbaren Arbeitslosen. Kein Mangel?

Engpass-Indikatoren erklären die Tiefe des Fachkräftemangels

Der Ansatz greift in mehrerlei Hinsicht zu kurz. Die Betrachtung nur dieses Verhältnisses erlaubt keinen Rückschluss auf die Situation in einzelnen Berufsgruppen und für eine differenzierte Vergleichbarkeit über längere Zeiträume hinweg müssen feste Metriken definiert werden.2  Um einen Engpass zu erkennen, wurden zusätzlich die Vakanzzeit einer offenen Stelle sowie die Abweichung vom Median (≥ 30%), die Differenzierung entsprechend des Anforderungslevels (Fachkräfte, Spezialisten, Experten) und die Arbeitslosenquote (≤3%) analysiert. In 2019 wurden insgesamt 6 Engpassindikatoren, 4 Risikoindikatoren und 4 Ergänzungsindikatoren definiert.3

Engpassindikatoren

  1. Vakanzzeit (Median)
  2. Arbeitsuchenden-Stellen-Relation
  3. Berufsspezifische Arbeitslosenquote
  4. Veränderung des Anteils sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung von Ausländern
  5. Abgangsrate aus der Arbeitslosigkeit
  6. Entwicklung der mittleren Entgelte

Risikoindikatoren

  1. Veränderung des Anteils älterer Beschäftigter (60 Jahre und älter)
  2. Anteil unbesetzter Ausbildungsstellen an allen gemeldeten Ausbildungsstellen
  3. Absolventen-Beschäftigten-Relation
  4. Substituierbarkeitspotenzial (IAB)

Ergänzungsindikatoren

  1. Berufliche Mobilität
  2. Arbeitsstellenbestandsquote
  3. Teilzeitquote
  4. Selbstständigenanteil

Übersicht der Indikatoren4

Verschärfung des Fachkräftemangels seit 2019

Die Situation hat sich in 2019 bei den Berufen des Handwerks sowohl bei den Fachkräften als auch bei den Spezialisten weiter verschärft. Im Bereich der Spezialisten sind insbesondere Energieberufe und Berufe in der Informationstechnologie hinzugekommen. Bei den Experten zeigen sich vor allem Engpässe im Bereich der Humanmedizin.

Neu hinzugekommen zur Engpassliste sind Berufe in der technischen Forschung & Entwicklung.

Fachkräftemangel in 2020 Corona verändert die Konjunktur und Lage

Dem aktuellen Ingenieursmonitor von August 2020 ist zu entnehmen, dass die konjunkturelle Abkühlung, die sich durch die Corona-Pandemie auch noch verschärft, sich in den Ingenieursberufen mit einer Zunahme der arbeitslos gemeldeten Personen um 40% niederschlägt. Da die überwiegende Anzahl der Unternehmen versucht, das Stammpersonal zu halten, geht der VDI davon aus, dass hiervon jüngere Ingenieure und Ingenieurinnen mit auslaufenden, befristeten Verträgen und Absolventen sowie Absolventinnen betroffen sind.5

Nicht so stark betroffen hingegen sind Ingenieursberufe im Bereich des Baugewerbes und der Softwareentwicklung. Ersteres hat während der Anfangsphase der Pandemie kaum Auftragseinbrüche hinnehmen müssen – im Gegenteil, das Baugewerbe boomt gerade!!! Hier bleibt allerdings abzuwarten, ob sich dieser Trend durch einen Rückgang der Investitionen in Gebäude durch die Einbußen in Folge von Kurzarbeit bzw. Arbeitslosigkeit in Zukunft abkühlt.

Die Softwareentwicklung legt deutlich zu. Hier schlägt sich die zunehmende Digitalisierung und der durch Corona stark gestiegene Druck, in diesem Bereich zu investieren, nieder.

Ein echter Arbeitskräftemangel ist in den Gesundheits- und Pflegeberufen zu erkennen. Auf 100 Stellen gibt es gerade mal 64 Arbeitslose. Ebenso die Energietechnik: 83 Arbeitslose auf 100 Stellen!

Risiken und Chancen in Zeiten von (Post-) Corona – jetzt gilt es zu handeln!

In der Pandemie liegen für die Unternehmen Chance und Risiko dicht beieinander. Wenn Sie jetzt in Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen investieren, gewinnen Sie für die Zukunft einen Wettbewerbsvorteil. Sie starten durch, während andere noch die Folgen des Stellenabbaus bewältigen!
Den Arbeitgeber zu wechseln in dieser Zeit mag für viele Menschen ein Wagnis darstellen und sie werden ihre vermeintliche Sicherheit nicht aufgeben. Aber sind nicht die, die in solchen Zeiten bereit sind, aufzubrechen und etwas Neues zu wagen, die Gestalter der Zukunft? Ich bin der Meinung – ja!

Über den Gast-Autor

Dr. Heinz-Hubert Fischer ist seit 13 Jahren in der Personalberatung von Fach- und Führungskräften tätig. Als Chemiker hat er ein Faible für produzierende Unternehmen.

1 Auswertung jeweils nur für Fälle/Meldungen mit Angaben zum Beruf ohne Helfer und Anlerntätigkeiten. Ohne Stellen aus der Arbeitnehmerüberlassung. (Quelle: Statistik der Bundesagentur für Arbeit, Nov. 2020).

4 Agentur für Arbeit (Hrsg.), Blickpunkt Arbeitsmarkt: Fachkräfteengpassanalyse 2019, Oktober 2020

5 VDI und Inst. D. dt. Wirtschaft (Hrsg.), Der regionale Arbeitsmarkt in den Ingenieursberufen, Juli 2020, https://www.vdi.de/ueber-uns/presse/publikationen/details/vdi-iw-ingenieurmonitor-2-quartal-2020 vom 17.12.2020